Heldenverehrung, Rivalität, Epigonentum: Weierstraß und die Berliner Vormachtstellung in der deutschen Mathematik

Mit der Berufung  des Mathematikers Karl Weierstraß (1815-1897) an die Berliner Universität im Jahr 1856 setze ein großer Aufschwung in der mathematischen Lehre und Forschung ein. Weierstraß und seinen Mathematikerkollegen Ernst Eduard Kummer und Leopold Kronecker gelang es in den nächsten drei Dezennien Berlin zu dem weltweit führenden Zentrum mathematischer Forschung und Lehre auszubauen, mit dem nur noch Paris mithalten konnte. Weierstraß galt dabei durch seine Forschungen zur Analysis und zur Funktionentheorie bald als der „erste Mathematiker seiner Zeit“, und er war der „unbestrittene Beherrscher“ des mathematischen Betriebes an der Berliner Universität, der von den Berliner Studenten und von seinen Schülern zu einer wissenschaftlichen Heldenfigur  stilisiert wurde. Der von den Berliner Mathematikern und ihren Schülern erhobene wissenschaftliche Führungsanspruch führte dabei zu heftigen wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Auseinandersetzungen mit anderen deutschen Mathematikern und zu einer Spaltung der deutschen Mathematiker-Community, die die institutionelle und wissenschaftliche Entwicklung der Mathematik in Deutschland mehrere Jahrzehnte stark prägte. 

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